König für einen Tag

 

Premierentag.

Sechs Monate haben wir nun gemeinsam gelernt, geprobt, gezankt, kurz: Hart gearbeitet, um heute endlich den Vorhang für alle zu öffnen. Wir wollen der Welt unser neues Stück zeigen. Nun ist zugegebenermaßen die Welt, die uns zusieht, eine ziemlich kleine

aber mir ist dennoch flau im Magen. Nur noch gut eine Stunde bis zum Auftritt. Irgendwie ist im Laufe des Vormittages die Vorfreude auf der Strecke geblieben. Meine Rolle ist irgendwie wieder mal größer geworden als geplant. Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen diesmal, falls überhaupt, nur etwas ganz kleines Unbedeutendes zu spielen. Aber dann hatte man mich mit fadenscheinigen Argumenten in denen Formulierungen wie „alter Hase“ und „Rampensau“ vorkamen, immer weiter von meinem Vorhaben abgebracht. Und nun stehe ich hier. Als Hasenfuß und arme Sau.

Vor mir liegt neben den normalen Schwierigkeiten eine unbeholfene Liebesszene sowie ein halbseitiger Monolog, an einer Stelle muss ich sogar singen und ganz am Schluss in einer Feierszene tanzen.

Nichts davon kann ich, wenn wir mal von dem Unbeholfenen absehen.

 

In der Garderobe steht ein Tablett mit belegten Broten. Ich habe keinen Hunger. Ich träume davon, dass jetzt die Zweitbesetzung meiner Rolle zu mir kommt und mit fester Stimme sagt: „Keine Sorge, mein Freund, ich übernehme.“ Aber es gibt keine Zweitbesetzung.

Irgendeiner ruft in die Garderobe, dass bereits die ersten Zuschauer eingetroffen seien.  Es sieht wohl ganz danach aus, als gäbe es keinen Ausweg. Ich nehme mein Buch und spreche mir nochmal meinen Text vor. Dabei stoße ich auf einige zum Teil ganz erhebliche Lücken, die mir gestern noch nicht aufgefallen waren.

 

Ich werde in die zweite Garderobe zum Schminken gerufen. Das Gesicht, das ich im Schminkspiegel erblicke, passt noch nicht zu der heiteren Komödie, die hier in Kürze über die Bühne schnurren soll. Ein bisschen Jabba, ein bisschen Dantes Inferno. Aber man gibt sich alle Mühe mit mir. Langsam verwandele ich mich in die Figur, die am Ende zwar nicht das schönste Mädchen aber immerhin ein Teil des Erbes abbekommen soll.

Die Hose des geliehenen Anzuges hat bei der Anprobe vor zwei Wochen irgendwie noch deutlich besser gesessen. Ist das überhaupt noch dieselbe Hose? Ich sehe aus wie eine Wurst. Aber es hilft nichts, wir haben keine andere. Also tief Luft einziehen…der Knopf ist zu!

Gleich geht es los.

Wir versammeln uns auf der Bühne um uns Mut zuzusprechen und uns über die Schulter zu spucken. Beides kann ich jetzt gut gebrauchen, Mut und Spucke. Ich höre die Menge ganz in der Nähe hinter dem Vorhang raunen. Die wissen gar nicht, was sie erwartet. Vermutlich ein stammelndes Häufchen Unglück welches, drei Souffleusen ignorierend, auf die Knie sinkt und heult.

Alle gehen auf Ihre Plätze. Showtime. Wo muss ich hin? Links? Rechts? Keine Ahnung. Mein Partner schiebt mich auf Position.

 

Das Licht geht langsam aus, das Murmeln im Publikum verstummt. Ich hätte vorher noch einmal zur Toilette gehen sollen aber dafür ist es nun zu spät. Die Einspielmusik beginnt bereits. Von jetzt an sind es noch 30 Sekunden. Wie lautet mein erster Satz?

 

WIE LAUTET MEIN ERSTER SATZ???

 

Ich hole tief Luft.

„Guten Morgen, Mutter, wie geht es dir?“ Ist er das nicht?  Gott sei Dank, ich bin erleichtert.

Der erste Satz muss sitzen.

Oder heißt es "Guten Abend?" Oder war es "Mama", statt "Mutter"? Meine Güte, das ist doch ein ganz einfacher Satz! Ich bin für den Job einfach nicht geeignet.

Noch ein paar Sekunden, alles ist dunkel und ganz still. Ich höre jemanden schwer atmen und befürchte, dass ich das bin. Der Vorhang öffnet sich, sein Rascheln dauert endlos. Jetzt müsste doch das Licht angehen. Warum geht das Licht nicht an? Ich sehe mich um. Der Lichtmann ist völlig entspannt. Ich nicht. Ich möchte weg. Da blenden die Scheinwerfer auf, ich bin dran, ich muss, es gibt kein zurück. Ich spüre von hinten einen leichten Stoß, stolpere auf die Bühne und sage:

„Du liebe Zeit, ist das ein Wetterchen draußen.“  Ich stutze.

Das war er! Das war der richtige Satz! Wusste ich’s doch. Ich bin in der Spur. Jetzt hält mich keiner mehr auf.

Unbemerkt senkt sich über mich eine riesige Käseglocke, die mich die kommenden zwei Stunden gefangen hält. Ich nehme alles fast unbewusst durch einen milchigen Nebel wahr.

Diese Käseglocke hebt sich nur einmal kurz in der Pause. Ich höre was von "volles Haus", trinke eine halbe Tasse Kaffee und esse so viel von den belegten Broten, wie es die Kürze der Zeit zulässt.

Dann senkt sich die Glocke wieder für fast eine Stunde.

Und dann kommt der Augenblick: Das Licht geht aus. Blackout.

Der Vorhang öffnet sich und…. die Menschen applaudieren! Das Saallicht geht an, alle sind auf der Bühne und die Leute applaudieren noch mehr. Wir verbeugen uns.

Meinen die uns? Wirklich uns? Wir verbeugen uns wieder und schauen in strahlende, glückliche Gesichter. Die meinen uns.

Der Applaus lässt nicht nach. Wir haben wohl irgendwas richtig gemacht.

Unsinn, wir waren gut. Wir haben die Leute zwei Stunden unterhalten und aus dem Alltag gerissen. Und wir waren gut dabei.

Möglicherweise sogar ich. Wie gerne würde man einen Moment festhalten, möglichst für immer, aber es geht nicht.

Irgendwann ist er vorbei. Viel zu schnell.

Aber morgen! Morgen gibt es noch so einen Augenblick. Wenn wir gut sind.

Und das werden wir sein. Und beim nächsten Mal. Und beim Mal darauf. Vielleicht bekomme ich dann sogar eines Tages eine etwas größere Rolle und darf als einer der Letzten auf die Bühne zum Applaus.

Das wäre es doch. Ich kann es kaum erwarten.